ange­mes­se­ne Klei­dung – sexy Out­fit’ – ein recht inten­si­ves inter­nes Zwie­ge­spräch von Dr. Albert Wunsch

Im Balz-Dress zum Unter­richt und Bewer­bungs­ge­spräch?

Wenn in Schu­le und Gesell­schaft Mini-Tex­ti­len das Out­fit prä­gen.

An einer Ham­bur­ger Schu­le wur­de “auf­rei­zen­de Klei­dung” der Schü­le­rin­nen ver­bannt (Quel­le: “Zu sexy für den Unter­richt”). Nicht sel­ten kommt dann als Begrün­dung, die Gefüh­le der Mos­lems – z.B. wäh­rend des Rama­dan – nicht zu ver­let­zen. Wel­che Aspek­te sind – auch unter dem Aspekt der Inte­gra­ti­on – im Umgang mit über­bor­den­der Frei­zü­gig­keit zu berück­sich­ti­gen? Was ist falsch, rich­tig, akzep­ta­bel? Wo hört die Frei­heit des Ein­zel­nen auf?  Übri­gens zeich­net sich das Balz­ver­hal­ten bei Vögeln durch ein aus­ge­präg­tes Sozi­al­ver­hal­ten aus, wel­ches der Nach­wuchs von den Vogel-Eltern wäh­rend der Auf­zucht erler­nen. Ein­fach tie­risch gut! – Hier eine Stel­lung­nah­me aus sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Sicht.

Was geht gar nicht und wie ist damit umzu­ge­hen?

Wir soll­ten beim The­ma Klei­dung in Schu­len und ähn­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen zwi­schen auf­rei­zend und unan­ge­mes­sen dif­fe­rie­ren. Zur Ver­deut­li­chung: Wenn bei­spiels­wei­se stark über­ge­wich­ti­ge Mäd­chen viel Haut zei­gen, wird dies von den mei­sten Men­schen wohl kaum als sexy, son­dern meist als absto­ßend emp­fun­den. Aber es geht unab­hän­gig von sexy wir­ken­den oder absto­ßen­den Klei­dungs­be­vor­zu­gun­gen in Schu­len auch um einen ange­mes­se­nen Umgang mit gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen. So exi­stie­ren in Bade­ein­rich­tun­gen, Sport­ver­an­stal­tun­gen, Schul­fe­sten, bei Abschluss­fei­ern, in Got­tes­häu­sern oder bei einem Trau­er­fall jeweils ande­re Klei­dungs-Über­ein­künf­te. Die The­ma­ti­sie­rung sol­cher Regeln steht zwar meist nicht im Cur­ri­cu­lum, gehö­ren aber auch zum schu­li­schen Auf­trag der Berufs- und Lebens­vor­be­rei­tung. Davon sind Schü­le­rin­nen und Schü­ler glei­cher­ma­ßen betrof­fen. So exi­stie­ren in etli­chen Schu­len auch für die Klei­dung der Jun­gen Regel­wer­ke, weil Tank-Top-Shirts, Bauch­frei­heit oder stän­di­ges Käp­pi­tra­gen auch unpas­send sind. Wie durch die Reak­ti­on der Eppen­dor­fer Schu­le deut­lich wur­de, sehen dies ande­re Schu­len ähn­lich.

Aber auch Leh­re­rin­nen und Leh­rer haben dar­auf zu ach­ten, sich in der Schu­le ange­mes­sen zu klei­den, auch wenn es hier meist nicht um die Stoff­men­ge zur Kör­per­ver­hül­lung geht. So wäre eine Deutsch-Leh­re­rin im Jog­ging-Dress oder der Mathe­leh­rer in Boxer-Shorts eben­so Bei­spie­le für unan­ge­mes­se­ne Klei­dung. Wenn Schu­len – mög­lichst im Zusam­men­wir­ken mit Eltern- und Schü­ler-Ver­tre­tun­gen – die­sen Auf­trag nicht wahr­neh­men, die anver­trau­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler umfas­send auf die gesell­schaft­li­chen Ver­hal­ten-Regeln vor­zu­be­rei­ten, wer­den sich Mädels recht unbe­küm­mert bauch­frei oder/und super­mi­ni berockt und Jungs mit Base­ball-Kap­pe oder Strick-Müt­ze und in Zei­ten einer Uni­sex-Mode ergänzt durch gezielt zer­ris­se­ne Hosen in Bewer­bungs­ge­sprä­che stol­pern und sich anschlie­ßend wun­dern, dass die­ses recht kurz aus­fiel und mit einer Absa­ge ende­te.

Zum Unter­schied zwi­schen Ver­ein­ba­run­gen und Ver­bo­ten!

Häu­fig wird in sol­chen Dis­kus­sio­nen die Fra­ge gestellt, ob ein Ver­bot als Ein­schrän­kung der per­sön­li­chen Frei­heit legi­tim sei? Um hier Klar­heit zu erlan­gen, ist zwi­schen Rege­lun­gen und Ver­bo­ten zu dif­fe­ren­zie­ren. Auch wenn in unse­rer Kul­tur die Regel exi­stiert, bei Trau­er­fei­ern schwar­ze oder dun­ke­le Klei­dung zu tra­gen heißt das nicht, dass ein Auf­tritt im pink­far­bi­gen Jog­ging-Dress beim Begräb­nis ver­bo­ten ist. Aber die Kon­se­quenz wird sein, dass die­ses Out­fit auf gro­ßes Unver­ständ­nis oder gar zu einem Aus­schluss führt. Der Denk­an­satz lässt sich auf alle Rege­lun­gen über­tra­gen. Aber in unse­rer Gesell­schaft besteht eine Ten­denz, Rege­lun­gen ger­ne als Ver­bo­te zu bezeich­nen. Und da Ver­bo­te als Angriff auf die eige­ne Frei­heit dar­ge­stellt wer­den, wird daher das Regel­werk gezielt bekämpft. Es wird nicht lan­ge dau­ern, bis sich Bank­räu­ber sich im Grund­recht der Akti­ons­frei­heit per­sön­lich dis­kre­di­tiert füh­len, wenn ihnen der Zugang zum Bank-Tre­sor per Schneid-Bren­ner ver­wehrt wird.

Der Denk­an­satz, Rege­lun­gen mit Ver­bo­ten gleich set­zen zu wol­len offen­bart, die getrof­fe­ne Über­ein­kunft nicht ver­stan­den oder akzep­tiert zu haben. Im Fal­le des Eppen­dor­fer Gym­na­si­ums in Ham­burg hat­ten Leh­rer, Eltern und Mit­glie­der der Schü­ler­schaft mit gro­ßer Zustim­mung – in Ergän­zung zur Schul­ord­nung – eine neue Klei­dungs-Ord­nung ver­ein­bart. Wenn sich alle dar­an hal­ten, wird es nie eine Dis­kus­si­on über Ver­bo­te erge­ben. Schließ­lich prä­sen­tiert sich das Gym­na­si­um mit den Leit­ge­dan­ken: „Wir för­dern das eigen­stän­di­ge Den­ken und die Krea­ti­vi­tät unse­rer Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Dabei wol­len wir das kri­ti­sche Refle­xi­ons­ver­mö­gen sowie die Fähig­keit zum Per­spek­tiv­wech­sel und zur Empa­thie stär­ken.“ – Super, hier ist Abschrei­ben bzw. Über­neh­men sicher erlaubt. Ver­bo­te erge­ben sich meist als Fol­ge nicht ein­ge­hal­te­ner Regeln.

Was geht ande­re mein Ver­hal­ten an?

Immer dann ist eine Ein­gren­zung der per­sön­li­chen Frei­heit ange­sagt, wenn dadurch die Rech­te ande­rer beein­träch­tigt wer­den. Denn wenn sich Men­schen zu stark auf ihre Frei­heits­rech­te beru­fen, habe die­se Zeit­ge­nos­sen meist die mit der Frei­heit ver­bun­de­ne Ver­ant­wor­tung gegen­über ande­ren Men­schen, der Natur oder  Sach­gü­tern aus­ge­blen­det. Somit sind legi­ti­me Ver­bo­te das Resul­tat eines zu selbst­be­zo­ge­ne Ver­hal­tens. Aber bevor sich jedoch eine Schu­le über eine zu redu­zier­te oder eigen­wil­li­ge Ver­tei­lung von Tex­ti­li­en auf jun­ge Kör­per Gedan­ken macht, soll­te die Eltern – und ver­stärkt bei Mäd­chen die Väter – dar­auf ach­ten, in wel­chem Out­fit der Nach­wuchs die Woh­nung ver­las­sen möch­te. Ein Vater von drei Mädels stell­te sei­nen Töch­tern, bevor sie das Haus in einem frag­wür­di­gen Dress­code ver­las­sen woll­ten – bezo­gen auf die Klei­dung – zwei Fra­gen: 1. Wohin geht es nun und 2. meinst du wirk­lich, wenn du in den Spie­gel schaust, dass dies pas­send ist. In Fäl­len einer sehr spar­sa­men Tex­til­ver­tei­lung sag­te er: Willst du heu­te wirk­lich das ‚Nimm-mich-Signal’ an dei­ne Umwelt rich­ten? Ent­we­der setz­te dann Selbst­ver­ant­wor­tung mit der Fol­ge einer Klei­dungs-Kor­rek­tur oder eine hei­ße Dis­kus­si­on ein. In jedem Fall wur­de klar, dass Klei­dung auch eine Offer­te des eige­nen Selbst ist, immer – teil­wei­se kon­kret erwart­ba­re – Reak­tio­nen aus­löst oder gar pro­vo­ziert und dass in die­sem Eltern­haus – in Mit­ver­ant­wor­tung für den Nach­wuchs – Gren­zen exi­stie­ren.

Ein Sexy-Out­fit spie­gelt auch den Zeit­geist wider!

Klei­dung setzt immer Signa­le. Es ist das Lebens-Eli­xier der Mode­bran­che, stän­dig neue Stil­rich­tun­gen zu kre­ieren. Dabei wer­den eige­ne Umsatz-Absich­ten mit den grund­le­gen­den Bedürf­nis­sen der Men­schen nach Beach­tung, Aner­ken­nung und Wert­schät­zung wir­kungs­voll ver­knüpf. Beson­dern weib­li­che Jugend­li­che erfah­ren schnell, durch wel­che Klei­dung sie in einer sexua­li­sier­ten Lebens­welt Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen kön­nen. Somit wer­den durch sexy Klei­dungs-Bevor­zu­gun­gen nicht nur all­ge­mei­ne Kon­ven­tio­nen tan­giert, son­dern sie lösen auch viel­fäl­ti­ge – beab­sich­tig­te, hin­ge­nom­me­ne oder unbe­ab­sich­tig­te – ero­ti­sche Sti­mu­lie­run­gen beim meist männ­li­chen Umfeld aus. Das sich in den Jah­ren seit den 68zi­ger Umbrü­chen hier vie­le Ent­wick­lun­gen zur Über­win­dung fal­scher Prü­de­rie ins Gegen­teil kehr­ten, ver­deut­li­chen die stän­dig zuneh­men­den Stö­run­gen im Sexu­al­ver­hal­ten. Denn wenn die Suche nach Selbst­dar­stel­lung und Spaß zur sucht­ar­ti­gen Hand­lungs­ma­xi­me wird, rau­ben die­se Prot­ago­ni­sten der ero­ti­schen Lie­be und Zunei­gung in Part­ner­schaft und Ehe ihre beglücken­de Kraft.

Selbst­kri­tisch das eige­ne Han­deln auf den Prüf­stand stel­len!

Wenn wir in unse­rem Kul­tur­be­reich die­se Kri­te­ri­en wie­der stär­ker in den Blick neh­men, wird nicht nur Man­ches für unse­re eige­ne Bevöl­ke­rung, son­dern auch für die zu uns kom­men­den Migran­ten ange­mes­se­ner. Auf­rei­zen­de Klei­dung gezielt unter dem Aspekt zu ver­mei­den, um die Gefüh­le von Mos­lems – bei­spiels­wei­se wäh­rend des Rama­dan – nicht zu ver­let­zen, wie dies von etli­chen Poli­ti­kern und Medi­en geäu­ßert wird, geht für mich in die fal­sche Rich­tung. Statt des­sen soll­ten wir uns fra­gen, ob all das, was der Main­stream als frei­heit­li­che Errun­gen­schaf­ten eti­ket­tiert, wirk­lich die­se Zuschrei­bung ver­dient. Denn oft drückt ein recht ‚libe­ra­les ‚Ver­hal­tens im Kern Gedan­ken­lo­sig­keit, Ego­zen­trik, Pro­test oder Macht­ge­ba­ren aus. Häu­fig ist fest­zu­stel­len, dass die für eige­nes Ver­hal­ten Tole­ranz ein­for­dern­de Men­schen sich äußerst into­le­rant gegen­über ande­ren ver­hal­ten, wenn das eige­ne Den­ken und Wol­len dadurch tan­giert wird. Nicht sel­ten mün­den die­se sogar in Hass-Tira­den und Angriffs-Attacken.

Inso­weit kön­nen, unter den Aspek­ten Inte­gra­ti­on oder gar Inkul­tu­ra­ti­on, die stän­dig neu zu uns kom­men­den Men­schen aus ande­ren Kul­tu­ren die jewei­li­gen eige­nen Ver­hal­tens­wei­sen im Hin­blick auf unse­re durch Sit­ten und Gebräu­che gepräg­ten Ver­hal­tens­wei­sen und Wer­te grund­le­gend über­prü­fen. Vie­le davon wer­den zu einer Über­nah­me ein­la­den. Und umge­kehrt kön­nen die­se ande­ren Kul­tu­ren uns als Spie­gel die­nen, unse­rer Lebens­ge­wohn­hei­ten und im All­tag ent­stan­de­ne Umgangs­for­men einer kri­ti­schen Über­prü­fung zu unter­zie­hen und zu ver­än­dern. Denn nicht alles, was sich in der Fol­ge der Auf­klä­rung und des poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus ent­wickel­te, kann als Fort­schritt für das sozia­le Mit­ein­an­der betrach­tet wer­den.

Copy­right: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

 

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